Dienstag, 18. Juni 2013

U3, stadtauswärts.

Die U3 rollt durch die hamburgische Nacht, durch den beleuchteten Hafen, es ist stickig und heiß im Waggon, kein Wunder, denn tagsüber waren die Temperaturen subtropisch.

Qietschend durchfährt die Bahn eine lang gezogene Kurve und den Hafen sieht man nun nicht mehr, wenn man aus dem Fenster schaut. Es geht Richtung Innenstadt. Nächste Station: Rödingsmarkt.

Ich stehe an eine Seitenwand gelehnt seit einer Weile in der Bahn und beobachte meine Mitmenschen, das ist spannender als jeder Kinofilm. Ab und zu tippe ich Dinge ins Handy, die ich irgendwann mal in einen Text über was auch immer einbringen will.

Nirgendwo kann man die einen umgebende Menschheit so toll studieren wie im ÖPNV. Deshalb fahr ich gern Bahn, egal ob S oder U. Und auch die Stadt ist wurscht, in S/U-Bahnen gibt es immer Verrückte. True story.

Ich stehe wie immer im zweiten Waggon von hinten und beobachte. Und tippe ins Smartphone rein.

Ein Mädchen etwa Mitte 20 mit dunklen Locken und großen dunklen Augen beobachtet, wie ich beobachte. Minutenlang.

Ich bemerke das natürlich, sie aber fühlt sich nicht ertappt.

Sie beißt sich mehrmals auf die Unterlippe und scheint mit sich zu hadern.

"What are you doing?" fragt sie schließlich und ist sichtlich erleichtert, daß sie sich dazu durchgerungen hat, sie knibbelt sich nun nicht mehr nervös an den Fingernägeln herum.

"I'm writing. I'm observing and I'm writing." antworte ich und sie nickt wissend.

"So you are an author?" will sie wissen.

"Not really. I started a blog some months ago. I'm just typing down some impressions right now and I may use them in upcoming posts. I'm no book writer."

Sie patscht sich mit der flachen Hand vor den Kopf. "A blog, of course! Everybody in Germany has a blog! I am from Athens, from Greece, nobody is blogging over there!"

Ich versichere ihr, daß es auch in der griechischen Hauptstadt Blogger geben wird. Sie guckt nachdenklich. "I could not do that. I would never know what to write about."

Ich muss lachen. "Neither do I! I just start writing..."


An der Sierichstraße (was tut eine Touristin aus Athen da?) steigt sie aus, nicht, ohne vorher meine Blogadresse zu erfragen.

"But I write in German. You won't understand a word!" werfe ich ein, werde aber gekontert. "I do not speak French but I love the language because it sounds beautiful. I do not need to understand to like stuff."

Ein eigentlich relativ logischer Ansatz...ich verstehe zum Beispiel auch kein Finnisch, liebe die Sprache aber allein ihrer Optik und Akustik wegen. Die Worte sehen einfach spektakulär und lustig aus und klingen auch so.

Als sie winkend aus der Bahn springt, ruft sie mir ihren Namen zu (ich Hornochse habe ihn vergessen) und verspricht, mal hier auf dem Blog vorbei zu schauen.

Ich hoffe, sie meldet sich.

Ich würd mich freuen.

Montag, 17. Juni 2013

Der Schatten, der die Nacht durchflattert

Schlafenszeit.

Noch kurz ein Blick aus dem Fenster, nur so zum Abschalten. Mal gucken, wieviele Fenster im Wohnblock gegenüber noch erleuchtet sind. Allzu viele werden es nicht sein.

Ich lasse den Film, den ich grad angesehen habe, im Kopf Revue passieren. So ein Quark.

Außerirdische Hirnfresser mit glühenden Augen, die eine Großstadt angreifen und nachts deren Bewohner reihenweise anfallen und enthirnen. Als ob es sowas...

..."Moment mal!" denk ich mir, "Das wäre eine Erklärung für die Existenz von RTL2 und Formaten wie "Frauentausch" oder "Berlin: Tag und Nacht"!"

Ich öffne das Fenster, lehne mich heraus und...

...auf Augenhöhe im Baum, der vor meinem Schlafzimmerfenster steht, hockt ein Paar kugelrunder gelb leuchtender Augen, das zu einem dunklen Schatten gehört. Würgegeräusche sind zu hören. Es klingt in etwa so, als würde man einen kleinen Hund strangulieren, eklig, gruselig!

Ich zucke zusammen und stolpere vor Schreck rückwärts, der Hirnfresser ist da, um mich auszusaugen, da bin ich mir kurzzeitig recht sicher. Gleich wird er mich anspringen!

Während ich rückwärts taumele, stolpere ich über meinen Schreibtischstuhl und falle. Rücklings. Dem Boden entgegen.

Mein letztes Stündlein hat geschlagen, soviel ist mir klar. Entweder brech ich mir beim Sturz das Genick oder aber der fiese Hirnfresser erwischt mich und ich werde RTL2-Schauer. Beides definitiv uncool.

Ich falle. In Zeitlupentempo. Mein Leben zieht an mir vorbei. Zumindest gewisse Momente, in denen es auch knapp war.

Zum Beispiel, als mal ein Smart, auf dessen Beifahrersitz ich saß, auf der A1 südlich von Hamburg während des Überholens einer LKW-Kolonne auf Blitzeis geriet und fröhlich Pirouetten drehte. Es gab mehrere Einschläge in die Mittelleitplanke, der Wagen verließ aber nie die Überholspur. Ich erinnere mich, daß ich aus dem Seitenfenster schaute, direkt in das Führerhaus des 40-Tonners neben uns. Der Fahrer schaute zu mir in unserem außer Kontrolle geratenen Kleinstwagen hinab und schüttelte vehement den Kopf. Als wollte er sagen "Bleibt, wo ihr seid! Kommt nicht auf die Idee, vor meinen Truck zu schleudern. Denn dann seid ihr tot und ich bin ein psychisches Wrack."

Herzkasper-Gefahr.

Der rotierende Smart blieb brav auf seiner Spur, niemandem ist was passiert.

Ich hab gelacht, als die Cops kamen. Die waren sauer deswegen.

Während ich falle, grinse ich zufrieden.

Oder der Moment im amerikanischen mittleren Westen am Lake Ozark im Süden des Bundesstaates Missouri. Ich hab da einen Haufen Verwandte und war auch drei Mal drüben in den Staaten während meiner Schulzeit. Hab da viel gesehen und erlebt. Zum Beispiel ne Schießerei in nem Vorort von St.Louis, das ist da aber normal. man legt sich halt flach auf den Boden und wartet, bis es nicht mehr knallt. Danach macht man mit dem weiter, was man vor der Schießerei tat. Ist ja nix passiert.

Ich saß am Lake Ozark auf einer Holzbank, meine (um hunderttausend Ecken) Verwandte fotografierte für die Nachwelt und ich griff mit der linken Hand unter die Sitzbank, warum auch immer. Ich berührte etwas "haariges weiches" und eine Sekunde später rannten acht Beine um ihr Leben. Eine dicke fette Tarantel. Und das passiert natürlich mir, der eine ausgewachsene Arachnophobie hat (auch damals schon).

Herzkasper-Gefahr!

Meine um tausend Ecken verwandte Tante erzählte mir dann zur Beruhigung, das sei alles ok, sie hätte die Viecher regelmäßig im Haus...ich hab nächtelang nicht geschlafen.

Ich atme tief durch, die Mistviecher haben mich nicht erwischt, halleluja! Ich falle weiter.

Zeit. Lu. Pe.

"Damals, die Schlägerei auf der damaligen Arbeitsstelle, wo dann auch die Cops kamen und all das. Da haste auch nur Glück gehabt, das der Typ mit der Wumme dich mochte. Sonst hätt das uncool enden können!" denke ich.

Und falle.

Aufprall.

Weich und warm. Kuschelig!

Ich bin nicht tot, Genickbruch my ass, ich liege mit dem Kopf in dem Haufen Klamotten, den ich eigentlich vor Stunden in die Waschmaschine schmeißen wollte, was ich dann mit Blick auf die Uhrzeit aber nicht tat. War ne gute Idee...

Ich liege mit dem Kopf zwischen meinen getragenen Socken und Boxershorts, schaue aus dem mir gegenüberliegenden Fenster und erwarte den Angriff des Hirnfressers mit den leuchtenden Augen.

Die Eule auf ihrem Ast kurz vorm Fensterbrett macht ob des Krawalls, den ich veranstaltet habe, während ich rücklings in den Wäschehaufen fiel, einen gutturalen Laut, krallt sich im Wortsinn die Maus, die sie in Ruhe verputzen wollte, als ich mein Fenster öffnete und verschwindet.

Ich rappele mich auf, es war recht gemütlich mit dem im Wäschehaufen ruhenden Kopf. Aber das ist ja keine Dauerlösung.

Ich trete ans Fenster, im Wohnblock gegenüber sind noch zwei Fenster erleuchtet. Wenige. Wie erwartet.

Auf dem Ast vor meinem Fenster entdecke ich Eulenkacke.

Das Federvieh hat gewonnen.

Freitag, 14. Juni 2013

Warum Hochbahn, warum?!?

Vor Jahren kamen die Bestimmer der Hamburger Hochbahn auf die großartige Idee, ihre Haltestellenansagen aufzupeppen.

Damals durch Kinderstimmen.

Das ist grandios gescheitert.

Ich erinnere mich an Petitionen in öffentlichen Medien und sozialen Netzwerken, in denen gefordert wurde, diesen Quatsch schnellstmöglich zu unterlassen. Ich erinnere mich an Aggressionen, auch meinerseits, wenn der gefühlt (lies: gehört) siebenjährige Bengt-Olov mal wieder "Hallo, näßte Halteßtelle Jungfernßtieg" in den Äther lißpelte.

Es hätte schlimmer kommen können, der kleine Bengt-Olov hätte zum Beispiel auch die Station "Wandsbeker Chaussee" ansagen können. Ein beängstigender Gedanke...

(Bevor jemand weint: Natürlich hab ich nicht das geringste Problem mit Menschen mit Sprachstörungen. Im Leben nicht. Hat die Hochbahn nur unglücklich arrangiert, der kleine Bengt-Olov hätte sicher auch lieber eine andere Station angesagt. Ist aber ja nicht die erste schlechte Idee im Hamburger ÖPNV gewesen. Aber zumindest fährt die S-Bahn zuverlässig.)

Die verkackten Kinderstimmen wurden glücklicherweise recht schnell erfolgreich in ihre Schranken verwiesen, jahrelang hatten wir dann danach Ruhe in den Bahnen, zumindest, was solchen Quatsch anging, wir belauschten nur die (zumeist in fies schlechtem Englisch gesprochenen) Ansagen für Umsteigebahnhöfe oder die zumeist amüsanten Durchsagen durchgeknallter Busfahrer. "Und zu unserer rrrrrechteeeeeeen sehen Sie...nichts. Denn wir sind hier in Bramfeld. Und ich fahre hier nur hin, weil ich dafür bezahlt werde!"

Die Bramfelder Bevölkerung fand's nicht so lustig, ich dagegen hab sehr gefeiert.

Aber jetzt hat die Hochbahn das Kriegsbeil erneut ausgegraben und mit Nachdruck geschwungen.

In Form von neuer akustischer Folter.

Jetzt machen nicht mehr Kackbälger die Ansagen, sondern...

..."Promis"!

(Angebliche) Hamburger "Promis" haben sich für diese Werbeaktion hergegeben. Warum? Brauchen sie das Geld für mehr Koks? Wollen sie dem Durchschnittsbürger einfach mal auf den Sack gehen?? Man weiß es nicht...

Ich hab schon einigen "Promi"-Ansagen lauschen dürfen.

Müssen.

Rollt man mit der U3 auf die Station "Dehnhaide" zu, so brüllt "Lotto King Karl" (Stadionsprecher des HSV, "Sänger" und tragischerweise Barmbeker) ein "Moin Moin Leude, nächster Halt is Dehnhaide!!" durch die Bahn. Warum?!?

Was hat der Mann mit der langweiligen Station "Dehnhaide" am Hut? Vielleicht wurd er in der Nähe geboren oder ist da aufgewachsen und das ist jetzt die Würdigung seines Lebenswerkes von Seiten der Hochbahn? "Museum im Geburtshaus, Statue an nem prominenten Ort, alles Quatsch! Lotto kriegt ne saisonale Durchsage in der U3, muss reichen!"

Oder aber die, die solche Sachen bei der Hochbahn planen, sind allesamt Pauli-Fans und haben sich gedacht "So, dem HSV-Typen drehen wir die mit Abstand langweiligste Station im oberelbischen Stadtgebiet an, das passt schon! Eat this fan boy!"

Was erwartet einen an der U Dehnhaide?

Ein Matratzen-Outlet. Die Disco "Big Apple", wo man hingeht, wenn man sich in suizidaler Absicht niederstechen lassen möchte. "Suicide by cop" mal anders, ist hier "suicide bei Intensivtäter meiner Wahl.". Und ein ominöses XXL-Restaurant, bei dem Kumpel F. mal bestellt hat, danach hatte er dann drei Tage lang die Scheißerei. Ein nettes elitäres Fleckchen Erde ist das da ganz knapp vor den Toren Barmbek-Nords.

Fährt man auf der U3 Richtung City weiter, hört man "Hey, keine Panik, hier is euer Udo und jetzt kommt die Mönckebergstraße!", wenn man auf die DER Einkaufsstraße Hamburgs zugehörige Haltestelle zusteuert. Lustigerweise und entgegen aller Realität kann man ihn verstehen, den Lindenberg! Ist ja sonst eher schwer, Nuscheln, Alk und Drogen ist ne fiese Kombination, da kommt dann eben Lindenberg-Sprech bei rum. Oder redet der WEGEN der Drogen so?

Am Schlump hört man dann Jan Eißfeldt aka Jan Delay. Angeblich. Entweder waren mal wieder die Boxen in meinem Waggon kaputt und es klang nur so, als hätte er ins Mikro gekotzt oder aber das war Absicht. Irgendwas, das wie eine Ansage des Bahnhofes "Schlump" klang, hab ich nun jedenfalls nicht raushören können. Und "Schlump" kann ich vermutlich sogar rülpsen oder per Achselfurz vertonen.

Das will aber keiner erleben.

Inklusive mir.

Ich hab dann überlegt, welcher Hamburger Promi noch eine Ansage einsprechen könnte.

Auf der U3 am Eppendorfer Baum zum Beispiel. Da höre ich in Gedanken Dittsche, wie er "Nächste Station Eppendorfer Baum! Eppendorfer Baum jetz! Ein-oder-Ausstieg bleibt Ihnen unbenommen!" durch den Äther haut. Ja, DAS kann was!

Oder auf der U1, da kann der kettenrauchende Altkanzler Helmut Schmidt mit langen Atempausen dazwischen ein "Nächste Station...Langen...(Hustenanfall)...horn...(Keuchen)...Markt! Ausstieg...(Auswurf)...links!" aus den Boxen röcheln, dazu wird dann per Rauchmaschine die komplette Bahn eingequalmt, das wäre spektakulär!

Jasmin Wagner, das verwelkte Blümchen, irgendwo in St. Georg. U1 Lohmühlenstraße zum Beispiel. "Wie ein Bum-Bum-Bum-Bum-Bumerang steig ich hier mal wieder in die Bahn..."

Ich hab noch mehr Ideen! Aber die verrate ich nicht. Die Hochbahn soll angekrochen kommen und mir Millionenbeträge dafür bieten!

Realistisch, wie ich nunmal bin, wird das nicht passieren und in Hamburg werden U-Bahn-Passagiere bis auf weiteres mit dieser akustischen Qual leben müssen.

Hoch lebe Nathaniel Baldwin, der Erfinder des Kopfhörers. Und hoch lebe laute Musik, die mein Trommelfell verdrischt!

Drei Mal hoch! Hoch! Hoch!

Samstag, 8. Juni 2013

Rocktag (Part 2) / Momentaufnahme: Elbstrand

Dunkler, von der Sonne aufgeheizter Sand unter den nackten Fußsohlen, das hatte ich ewig nicht mehr. Großartig!

Wir sitzen an unseren Platz nah am Wasser und haben eine gute Zeit, lassen uns mit zusammengekniffenen Augen die Sonne ins Gesicht scheinen, blinzeln dabei, lachen, haben Spaß, beobachten die Menschheit um uns rum, lästern und genießen den Abend.

Ein Bodybuilder läuft vorbei, Oberarme wie Hulk, nur nicht in grün, natürlich aber mit den passenden Tribal-Tattoos, ohne die geht's ja nicht, er trägt klischeetreffend ein Jeanshemd mit abgeschnittenen ausgefransten Ärmeln. Und ich dachte, sowas gibt's nur im Film...in seiner Begleitung eine Paris Hilton für Arme, blondiert und dümmlich kichernd schleift sie einen "Hund" von der Größe einer zu klein geratenen Wanderratte an der Leine über den Elbstrand, der für das bemitleidenswerte Tier wie eine Kraterlandschaft auf dem Mond wirken muss.

Freundin M. entfährt bei dem traurigen Anblick ein "Das ist aber kein Offroad-Hund, guck mal, der fällt immer in die Löcher!" ("Löcher" im unebenen Elbstrandboden...)...

Ein paar Meter weiter werfen zwei Jungs in hautengen Karohemden und Flip-Flops einen Football hin und her, jedes zehnte Mal fangen sie ihn sogar. Eine tragische Vorstellung. Ich bin kurz davor, das Elend zu unterbinden und einen Monolog über Wurftechnik und so zu beginnen...

...aber Freundin M. bemerkt das und reagiert genau richtig. "Hey, hast du nicht n paar Alster eingekauft?? Ich mag eins haben!"

Grad nochmal gut gegangen...

Freundin M. kennt mich halt.

Je dunkler es wird, desto mehr Menschen bevölkern den Elbstrand, den Sonnenuntergang kann man von hier zwar nicht sehen, der findet in unserem Rücken statt, dafür beleuchtet er aber die Elbe und die gegenüber liegenden Container-Terminals in einem warmen rotgoldenen Licht und der Anblick lässt selbst mir als ausgewiesenem Hasser dieser Stadt den Mund offen stehen und setzt irgendwelche doofen Glückshormone frei, die mir unaufgefordert "Schönste Stadt der Welt, schönste Stadt der Welt!!" ins Ohr hauchen.

Aber das ist natürlich bullshit.

Um uns herum tobt die Welt.

Ein paar Kinder bauen eine Matschburg, jedes Mal, wenn ein größeres Schiff vorbei fährt, erfassen die heranrollenden Wellen die Burg und reißen sie teilweise ein. Das kommentiert ein etwa 5-jähriger mit einem vehementen "Eyh Papa, Wellen sind scheiße!!", dann baut er den eingebrochenen Teil der Sandburg wieder auf.

"Erinnerst du dich als wir noch Kinder war'n und am Strand die tollsten Burgen gebaut haben. Wie die Sonne unterging und die Flut langsam kam und die Wellen ohne Gnade uns langsam alles nahmen." (Kettcar - Hippie)

Papa zuckt mit den Schultern. Und die Frau neben ihm, vermutlich Mama, tippt auf dem Smartphone und kichert wie ein verliebter Teenie und kümmert sich einen Dreck um Juniors Sorgen.

Rechts von uns versuchen zwei Jungs, ihren Grill anzufeuern. Es klappt nicht.

Ein riesengroßer Containerpott wird vorbei geschleppt, ein großes "Oooh" und "Aaah" am Strand, ich schieße wie viele andere auch ein paar Fotos und bin beeindruckt. Rein optisch schwimmt da grad mein Wohnblock vorbei.

Die Jungs nebenan sind nun zu zweit dabei, ihren Grill irgendwie zum Laufen zu bringen, es sieht abenteuerlich aus.

Die Sonne ist inzwischen komplett untergegangen. Und das Panorama ist spektakulär.

Die Wellen klatschen vor der Hafenkulisse aus beleuchteten Containerkränen und vorbeiziehenden großen Segelschiffen und kleinen Hafenfähren und riesengroßen Containerpötten und winzigen Schnellbooten, an den Strand.

Die zwei Jungs rechts von uns haben ihren Einweggrill endlich startklar und einer der beiden packt ein einsames Würstchen auf das Gitter. Und wendet es alle fünf Sekunden.

"Ist bestimmt aus Tofu, sonst hätten die mehr davon!" kommentiert Freundin M. das mit scharfer Stimme und erstaunlich sarkastischer Frauenlogik. Vermutlich hat sie sogar Recht.

Der andere Typ nimmt, während sein Kumpan die Wurst dreht, tiefe Schlucke aus einer edel aussehenden Flasche mit Siegel. Looks like Whiskey. Aber vermutlich ist es nur billiger Weinbrand. Freundin M. schüttelt sich bei dem Gedanken.

Sie verabschiedet sich dann Richtung nahegelegene angesagte Strandbar, dringendes Bedürfnis und so.

Ich sitze und beobachte.

Zwei Schäferhunde apportieren von ihren Haltern hineingeworfene Stöcke aus dem tiefschwarzen Wasser, die Tussi und der Bodybuilder laufen wieder vorbei, der Spielzeughund lugt nun aus einer Korbtasche, gut für ihn.

Die beiden Jungs von rechts sind verschwunden, der Einweggrill brennt vor sich hin, lodernde Flammen, als ich grad löschen will, rauschen aus dem Hintergrund Jugendliche heran, die rein optisch mit ihren Sleeves und Septums nachts Spießbürger aus U-Bahn-Haltestellen vertreiben und regeln das. Und lachen mich an. "Yeah Alter, wir warn schneller!!" Fist bump. Find ich gut.

Gegen 23.30 brechen wir auf gen Heimat, letzte Fähre erwischen. Noch ne Kleinigkeit in der Schanze essen. Den Abend ausklingen lassen.

Als ich dann gegen halb zwei in der Bahn nach Hause sitze, brennt das Gesicht leicht von der Sonne und der Sand rieselt aus Schuhen, Hosentaschen und irritierenderweise aus den Haaren.

Aber das macht nichts, das nehm ich in Kauf.

Rocktage gehen immer.

Freitag, 7. Juni 2013

Rocktag (Part 1)

Die Sonne strahlt.

Mein Nachbar kniet neben seinem Uraltkleinwagen und poliert die Radkappen aus grauem Plastik. Ich beobachte das interessiert. Irgendwie ist es ein deprimierender Anblick, andererseits aber auch ein positives Zeichen.

Aufbruch!

Der Frühling, ach was, Sommer ist endlich da, das hatte ich in diesem Jahr gar nicht mehr erwartet, es deutete ja alles auf einen Übergang vom Winter direkt wieder in den Herbst hin. Klimaerwärmung, pah!

Aber heut ist's anders. Die Sonne knallt, es ist Wetter für kurze Ärmel und kurze Röcke, das Tragen einer Sonnenbrille hat endlich wieder einen Sinn abgesehen von angeblicher Steigerung des Coolnessfaktors, Menschen recken die blassen Nasenspitzen zum Himmel und Jungspunde fahren johlend zu den untermalenden Beats von David Guetta oder Will.i.am und Britney (bitch!) in Daddies Cabrio umher. Die Bässe wummern, der Sportauspuff röhrt und die Chromfelgen blitzen.

Frühlingserwachen. Drei Monate zu spät.

Mein Nachbar will auch so'ne coole Karre und deswegen kniet er schwitzend und keuchend im Staub neben der Bushaltestelle und poliert die Plastikradkappen seines aschefarbenen VW Polo Baujahr '88 im used look, auf das sie doch bitte chromfelgengleich erblitzen mögen, nur: Sie tun ihm den Gefallen nicht.

Arme Sau.

Der Bus rollt an, sogar pünktlich, es geschehen noch Zeichen und Wunder, aber nichts anderes habe ich erwartet an einem Strahletag wie diesem.

Eine Exfreundin nannte solche Tage immer "Rocktage" (der Musik, nicht des Kleidungsstückes wegen), Tage mit grauem Himmel und Nieselregen an denen nie irgendwas funktionierte oder so lief, wie man es gern wollte, waren "Gummispülhandschuhtage", den Zusammenhang habe ich nie verstanden. Ich glaube aber, sie hatte das aus einem Buch.

"Heute ist ein Rocktag" denke ich, halte mich an einer Stange im Bus fest und schaue durch die Gegend und mein Blick bleibt total gegen meinen Willen an einer Mitfahrerin hängen. Für die ist nämlich auch Rocktag, allerdings auf die Klamotte bezogen. "Was für Beine! Bis zum Boden! Alle beide!!" denke ich und versuche angestrengt, weg zu gucken, das ist aber gar nicht einfach. Wie bei einem Unfall auf der Autobahn, da guckt man auch automatisch, obwohl das total unangebracht und daneben ist.

Vom Bus geht's in die U-Bahn, in Gedanken bin noch bei den unendlich langen Beinen, die leider in die S1 gen Airport steigen, das seh ich noch vom Bahnsteig gegenüber.

Die Bahnfahrt zum Hafen verläuft unspektakulär, das ist erstaunlich, irgendein Idiot steigt eigentlich immer zu. Dieses Mal nicht. Ich lausche dem Electro-Set eines Freundes aus Berlin und beobachte, wie die Stadt am Fenster vorbeifliegt. Ab und zu blendet mich die Sonne.

Schön.

Ich wuchte den schweren Rucksack auf den Rücken und laufe durch den Strom der Touristen hinunter zum Fähranleger, wo Freundin M. schon aufgeregt zappelnd wartet.

"Beeil dich, ich will an den Straaahaaand!!" ruft sie mir mit den Armen über dem Kopf rudernd entgegen.

Während wir auf die Linie 62 warten, ertönen laute Signalhörner verschiedener Schiffe und verabschieden die MS Deutschland, die langsam ins Bild und dann an uns vorbei gleitet. Das "Traumschiff" aus der Serie, die ich damals immer mit Omi schauen musste. Die Touristen knipsen und jubeln, die Kreuzfahrer winken ein wenig prollig herab, so wie die Queen, wenn sie huldvoll ihren Untertanen aus dem Limousinenfenster zu winkt, während ihr liebster Corgie grad auf die Fußmatte schifft. Luftballons steigen auf, ein großes "Oooh" und "Aaah" überall.

Dann kommt unsere Fähre.

Wind um die Nase auf dem Oberdeck.

Freundin M. und ich stehen ganz vorn am Bug. Wenn man ganz fest dran glaubt, dann riecht man die salzige Meerluft, die eigentlich viel zu viele Kilometer weit weg ist.

Es ist herrlich, ich muss öfter mit der Fähre fahren beschließe ich, als Freundin M. und ich uns dann doch mal auf den metallgeflochtenen Stühlen an einem der Tische niederlassen.

Die nächste Haltestelle ist Övelgönne, der Elbstrand, da wollen wir hin.

Mit einem großen Rempler gegen die Kaimauer legt die Fähre an und wir entern zusammen mit Großfamilien, Junggesellengruppen und Tussen mit Handtaschenhunden das Festland, strömen Richtung Strand, alle rennen, alle wollen die besten Plätze okkupieren, Freundin M. und ich machen Pause. Mal rechts ran. Warten und nicht mit dem Strom schwimmen.

20 Minuten später laufen wir dann auch los. Und finden einen lauschigen Platz nah am Wasser...

(Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 6. Juni 2013

Daumen-Ecki

Gestern bin ich beim Einkaufen zum ersten Mal seit locker zwei Jahren mal wieder Daumen-Ecki begegnet.

Ich dachte schon, er habe sich ein neues Stadtviertel gesucht oder gar eine neue Stadt, daß er wegen irgendwas eingefahren ist, hatte ich auch nicht ausgeschlossen.

Aber er erzählte, er sei nur "mal hier, mal da" gewesen, das wird ähnlich wie beispielsweise "Import, Export" eine halblegale Grauzone beschreiben, über die man nicht spricht und von der trotzdem fast jeder weiß, daß sie da ist. Als Ecki das an der Discounterkasse erzählte, nickte ich also nur wissend und Ecki grinste breit.

Daumen-Ecki ist in etwa in meinem Alter, kam wie ich aus der Provinz in die große Stadt, in seinem Fall die hessische Provinz, wir tragen beide einen "Good night white pride"-Button an den Klamotten. Das war's aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten.

Denn Daumen-Ecki ist obdachlos, besitzt nur das, was er am Körper trägt und den Spitznamen, den ihm einer von seinen "Straßenbrüdern" verpasst hat, trägt er seit 2002, denn da schlief er betrunken im miesesten Wintersturm auf einer Parkbank ein und alle Finger außer der Daumen froren ab und mussten abgenommen werden.

"War ne Scheiß-Aktion, ich hätt das letzte Bier nicht trinken sollen damals" sagte er, als er mir die Geschichte zum ersten Mal erzählte. Und zwinkerte mir zu und grinste.

Ich kenne Daumen-Ecki seit etwa sieben Jahren, vielleicht auch acht. Ich sah ihn früher oft vorm alten Barmbeker Bahnhof stehen und Passanten anschnorren. Mich auch.

"Haste ma n Euro??" Und als ich stehen blieb, schob er hinterher "Ich nehm auch zwei Euro. Und ja, ich bediene gerne das Klischee!" Und grinste.

So sind wir ins Gespräch gekommen und ab da hab ich ihm jedes Mal, wenn ich ihn getroffen habe, einen Kaffee oder was zu essen gekauft oder seinem namenlosen Schäferhund, der auf "Eyh!" reagierte und direkt angetrabt kam, mal eine Dose Hundefutter mitgebracht.

Einmal wollte ich mit Daumen-Ecki und "Eyh!" beim großen gelben M an der Fuhle essen, wir wurden aber direkt wieder hinaus komplimentiert. Hunde seien nicht erwünscht. Die fast schon angeekelten Blicke trafen allerdings nicht den Hund...

Und gestern hab ich Daumen-Ecki nun mal wieder gesehen und hab mich ehrlich gefreut. Er lebt noch, "Eyh!" geht's auch gut, der erkannte mich auch direkt wieder und freute sich, leider hatte ich kein Leckerlie dabei und "Eyh!" musste sich mit Streicheleinheiten begnügen. Er ertrug es tapfer.

Ecki und ich haben dann eine Weile auf einer Bank gehockt und uns unterhalten. Die letzten Tage hatte er ein Dach über dem Kopf erzählte Ecki, ab kommender Nacht nicht mehr, aber er hat in Aussicht, in einem Wohnheim unterkommen zu können. Ein kleines Zimmer nur, aber das wäre ein Traum, sagt er. "Eyh!" dürfte mit rein und außerdem hätte er ein Mädel kennengelernt und da wär ein eigenes Zimmer echt von Vorteil!

Sagt er.

Und grinst breit.

Und ich grinse auch.

Und wünsch Glück!

Montag, 3. Juni 2013

Momentaufnahme: Park Fiction

NoFx schreddern mir ihr geniales Album "Punk in drublic" in die Ohren, der Wind zerrt an der Kapuze und zum wiederholten Male rauscht ein Inline-Skater nur Zentimeter an mir vorbei.

Ich sitze auf dem in Schwimmbadfliesenoptik ausgelegten Rand einer kleinen Grünfläche neben einer Kunstpalme an einem meiner liebsten Orte dieser verdammten Stadt.

Dem "Park Fiction" zwischen dem Kirchhof der St.Pauli-Kirche und der Hafenstraße, über die man auf den Fischmarkt herunterschauen kann und hinter dem sich dann wieder Werften und Kräne auftürmen.

Es ist 19.50 Uhr, ein schwarzer Hund schnüffelt an meinem Schuh und freut sich.

Um mich herum sind die unterschiedlichsten Menschen versammelt, sitzen auf den künstlich angelegten Rasenflächen, einige trinken Astra, andere drehen Kippen, wieder andere drehen anderes, der süßliche Geruch hängt in der Luft.

Der Skater zischt wieder vorbei, der schwarze Hund zuckt zusammen und ein kleiner Junge, begleitet von seinen vollgehackten und diverse Male gepiercten Eltern, klatscht verzückt in die Hände, ob er den Skater oder den Hund gut findet, kann ich nur raten.

Auf dem kleinen Basketball Court zocken ein paar Streetballer, so richtig gut sind sie nicht. Der Ball fliegt am Korb vorbei und trifft ein Mädchen am Rücken. Anderswo auf Pauli oder generell in dieser Stadt gäb's jetzt eventuell Stress. Hier nicht. Man kennt sich.

Ich entdecke eine Gruppe Dreadlockträger, die Hacky Sack spielen, damit dürfte die Quelle des süßlichen Geruches geklärt sein.

Ein Jongleur jongliert, ein Paar kuschelt auf einer Wolldecke, der schwarze Hund wird von einem maximal ein Drittel so großen Mops, dessen Kläffen sogar meine Musik übertönt, durch die Gegend gejagt und ein Flaschensammler taucht mit leeren Plastiktüten auf und geht zehn Minuten später mit prall gefüllten.

Zum Inliner stoßen zwei Boarder und drei Jungs auf ihren Fixies, ich warte noch auf die Tagger, denn außer Tags ist hier kaum Grafitti zu entdecken. Das wundert mich jedes Mal aufs Neue.

Ich schaue hoch zum Loft im Eckhaus am Pinnasberg. Die Fensterfront ist noch nicht erleuchtet, es ist noch zu hell.

Es gibt tausend Gerüchte darüber, wer dort oben wohnt. Der Sohn einer Kiezgröße? Ein Fußballer? Ein Schauspieler? Niemand weiß das so genau.

Vermutlich einfach nur irgendein stinkreicher Mensch, der sich nichts sehnlicher wünscht, als das der "Park Fiction" endlich plattgemacht wird zugunsten eines würdigen Privatparkplatzes für seinen Fuhrpark voller SUVs und Bentleys.

Wehe!